HNO-Praxis Dr.Vander

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen

Worum geht´s bei den Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungstörungen (AVWS) ?

Max hört gut, er hört aber selten zu.
Peter liest fließend, versteht den Inhalt jedoch nicht.
Anna zuckt bei einem lauten Geräusch zusammen oder stößt einen Schrei aus.
Stefan verwechselt mit seinen 9 Jahren immer noch links und rechts. Außerdem verdreht oder vergisst er beim Schreiben Buchstaben. Mit 6 Jahren bekam er Logopädie, weil er oft T und K verwechselte (Tuh statt Kuh).
Sandro hört den Laut, kann ihn aber nicht mit einem Buchstaben oder Wort verbinden.
Martinas Leistungen (Diktat) sind zu Hause besser als in der Schule.
Claudia sitzt oft stundenlang an den Hausaufgaben. Sie träumt und trödelt. Bis sie endlich ein Gedicht auswendig kann, dauert es. Leider behält sie den Inhalt selten bis zum nächsten Morgen.
Marianne kommt sehr müde und aggressiv aus der Schule. Alles ist dort so laut und die Stimme der Lehrerin klingt gleich laut wie alle anderen Geräusche (gestörte Figur-Grundwahrnehmung).
Andreas spricht äußerst laut. Einen Rhythmus korrekt nachzuklatschen, gelingt ihm nur schwer.

Man spricht von "zentraler Hörverarbeitungsstörung", Auditiver Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung, kurz AVWS, oft begleitet von Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom (ADS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperkinetisches Syndrom (ADHS) und Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis)
Diese Störungsbilder können sich überschneiden. Oft wird mal mehr das eine oder das andere Störungsbild festgestellt, je nach Untersucher und verwendeten Testmethoden.

Definition auditiver Wahrnehmung
Zentrale Analyse von in akustischen Signalen enthaltener Frequenz-, Zeit-, Intensitäts- u. Phaseninformation
Die bewusste Wahrnehmung wird wiederum von der Emotionalität gesteuert. Äußere Reize können Emotionen "triggern", die das Verhalten bestimmen.
Es gibt so etwas, wie eine emotionale Intelligenz, die den Menschen befähigt, seine eigenen Gefühle zu kontrollieren, bevor diese sein Handeln bestimmen.

Ursachen auditiver Störungen
Risiken während der Schwangerschaft: vorzeitige Wehen, Wehenhemmer EPH - Gestose, Blutungen, Diabetes mellitus, psychische Belastungen (z.B. starker Stress, berufliche und familiäre Konflikte, unerwünschte Schwangerschaft, Abortversuche), Nikotin, Alkohol, Drogen, Medikamente oder Infektionen.
Perinatale Risikofaktoren (während der Geburt): Frühgeburt oder Übertragung, Nabelschnurumschlingung, Sauerstoffmangel, niedriger Apgar-Wert, starke Unterzuckerung, Wehenschwäche, Saugglocken- oder Zangenentbindung, Kaiserschnitt, Mehrfachgeburten, Infektionen.
Postnatale Risiken (nach der Geburt): schwere Neugeborenen-Gelbsucht, schwere Infektionen, z.B. Sepsis, Meningitis, Encephalitis, Ernährungsstörungen mit Toxikose, rezidivierende Mittelohrentzündungen und - ergüsse, Lärmtrauma (z.B. im Inkubator, später "mp3-player), schwere seelische Belastungen, Schädeltrauma, ototoxische Medikamente.
Familienverband: Familiäre Verhältnisse beeinflussen die Kindesentwicklung (Stress, Streit, Trennung).

Hören: Qualität und Quantität
Meeresrauschen mit einer Lautstärke von 60 dB (z.B. im Urlaub) wird als erholsam empfunden, die gleiche oder geringere Lautstärke - z.B. Straßen- oder Fluglärm - wirkt belastend. Lärm charakterisiert sich demnach weniger durch Lautstärke (Quantität), sondern mehr durch die Qualität.
Es sollte das Bewusstsein für eine qualitativ hochwertige akustische Umgebung gefördert werden:
Medienkonsum zu Hause:
Seit der massenhaften Einführung von Fernsehen, Radio, mp3-player, Internet ist vermehrt die selbstverursachte "Lärmbelastung" vorhanden. Was für den einen (z.B. Erwachsener) Information, Unterhaltung oder Berieselung ist, kann für den anderen (z.B. Kind) ein Störgeräusch sein.
Nebengeräusche Computer:
Die monotonen Geräusche der PC-Lüfter und Festplatten können sogar Erwachsenen sehr auf die Nerven gehen.
Elektronische Spielzeuge:
Moderne elektronische Spielzeuge sind oft mit eingebauten schrillen Schallquellen versehen, die sich die Kinder direkt Ohr halten können.

Hören beeinflusst Emotionen
Der Hörsinn des Menschen ist ab dem 3. Schwangerschaftsder der erste aktive Sinneskanal. Hörreize werden bereits lange vor der Geburt im Gehirns gespeichert.
Gerade Kinder sind für Reize besonders offen.
Das Hören beeinflusst Sprache
Das Hören beeinflusst die Sprachentwicklung. Taube Babys können ohne Hörhilfen nicht sprechen lernen. Spätertaubte verlieren ihre Sprechmelodie und Aussprache-Kontrolle.

Lärm stört:
Ständige Berieselung bis hin zum Lärm (Radio-, TV, Fluglärm, Straßen- oder Schienenverkehrslärm) kann bei Kindern in der Sprachentwicklungsphase verminderte akustische Kontraste in der Wahrnehmung bewirken. Das führt dazu, dass die Erkennungsmuster für Sprache schwach ausgebildet werden.
Ein weiterer Faktor sind häufige Mittelohrentzündungen und Erkältungen (vom 1. bis zum 4. Lebensjahr), die eine deutlich verringerte Hörfähigkeit verursachen.
Beide Faktoren können zu unzureichenden Spracherfahrung führen. Ein solches Kind ist mit 5-7 Jahren häufig sprachauffällig.

Merkmale auditiver Wahrnehmungsprobleme
Isolierte Bildung problematischer Phoneme und Laute gelingt - nicht jedoch in der Schule. Diktate in ruhiger Umgebung sind möglich - nicht jedoch im Klassenraum. Peripheres Hörvermögen, audiologischer Test gut - trotzdem Verständnisprobleme. Informationen falsch verstehen. Gehörtes erschwert umsetzen. Gelesenes nicht verstehen. Unrein singen. Links-rechts Probleme. Leicht bis mittelgradig schwerhörig, Geräuschempfindlich. Leicht ablenkbar, unruhig, vergesslich. Geringe Ausdauer.

Auditive Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeitsstörungen (ADS), Konzentrationsäche und Lernstörungen
Eine alleinige Aufmerksamkeitsstörung liegt dann vor, wenn die Aufmerksamkeit nicht nur bei einer bestimmten Tätigkeit oder Aufgabe auftritt, sondern viele Situationen betrifft.
So kann die Aufmerksamkeit durch Geräusche beeinträchtigt werden. Beispiel: Die Arbeit zu Hause gelingt, in der Schule jedoch nicht.
Eine Lernstörung kann wiederum viele Ursachen haben und mit Teilleistungsstörungen und auch Hyperaktivität zusammenhängen. Meistens wird eine Lernstörung zusammen einem verminderten IQ festgestellt. Hier möchten wir kritisch auf hinweisen, dass viele IQ-Testverfahren auf der Wahrnehmung beruhen und Teilleistungen in verschiedenen Modalitäten zur Lösung der Testaufgaben erforderlich sind.
Sie sollten daher den IQ-Test entsprechend hinterfragen oder zumindest mit den beschriebenen Diagnoseverfahren untersuchen, ob nicht doch auditive Störungen vorliegen.

Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung:
ADD, ADS, ADHS und ADHD
Je nachdem, wie das Kind betrachtet wird, liegt der Schwerpunkt auf der motorischen Unruhe und man spricht vom "hyperkinetischen Syndrom".
Andererseits kann dies auch eine Folge einer globalen Wahrnehmungs- und Lernstörung sein.

Medikamente können die Therapie zwar unterstützen und das Kind zunächst aufnahmebereit und ruhig schalten, allein stellen sie jedoch keine ausreichende Behandlung dar.

Hypoaktivität
Beobachtungen an Schülern, die regeläßig Hörwahrnehmungstraining mit Musik bekamen, zeigten, dass die Körperhaltung verbessert wurde (aufrechtere Sitzhaltung), ohne sie verbal dazu aufzufordern. Außerdem wurden die Kinder meist aktiver und offener.

Koordinationsprobleme
Legastheniker oder Kindern mit entsprechenden Teilleistungsstörungen fällt es oft schwerer, Rhythmusfolgen mit den Fingern beider Hände nachzuklopfen, wenn der Einsatz der Hände abwechselnd sein soll. Dürfen beide Hände gleichklopfen, fällt es ihnen leichter
Auch haben sie oft Störungen bei komplexen Fingerfunktio

Sprach- und Sprechstörungen
( Dyslalie, Dysgrammatismus, Wortfindungsstörungen, Sprachverständnisprobleme)
Gerade bei Patienten mit Sprach- und Sprechstörungen lässt sich die Förderung der auditiven Wahrnehmung durch das Hörwahrnehmungstraining hervorragend einsetzen.

Sprachverständnis:
Auf Grund der geringen Merkfähigkeit und "langen Leitung" (zeitliche Verarbeitung) sind auch hier deutliche Verbesserungen durch die auditive Förderung zu beobachten.

Stimmstörungen: Werden Frequenzen oder Frequenzgruppen nicht richtig gehört, wirkt sich dies auf die Stimme aus. Gerade bei Hyper-/Hypo- und psychogenen Stimmstörungen ist die Förderung der auditiven Wahrnehmung zur Verbesserung des Eigenhörens und der Eigenkontrolle eine wesentliche Voraussetzung. Daraus leitet sich ab: Die Stimme kann nur produzieren, was das Ohr hört bzw. wahrgenommen wird.
Wortfindungsprobleme: Durch eine gesteigerte Merk- und Speicherfähigkeit wird auch der Zugriff auf den Wortspeicher erleichtert.

Redeflussstörungen
Redeflussstörungen können mit auditiven Wahrnehmungs einhergehen (siehe Diagnose).
Stottern: Nebst der auditiven Anregung auf die Hörbahnen wird durch Musik und Klang auch auf das vegetative Nervensystem und somit auf den Atemrhythmus und über den emotionellen Kanal auf das Selbstbewusstsein eingewirkt. Die Arbeit an der Sekundärsymptomatik wird parallel durchgeführt.
Poltern: Auch hier wird die auditive Wahrnehmung mit Hörwahrnehmung vorbereitet. Besonders bei nachfolgenden Sprechübungen mit Mikrofon und Kopfhörern wird dem Patider eigene Sprechfluss bewusster und die Selbstkongesteigert. Wenn mit dem verlangsamt gesprochenen Leselern-Material gearbeitet wird, wird der Polterer angelangsamer nachzusprechen. Poltern ist häufig mit Störungen der Aufmerksamkeits- und Hörgedächtnisspanne, Sprachentwicklungsstörungen, monotone Sprechmelodie, Aussprachestörung etc. vergesellschaftet.

Teilleistungsstörungen
Legasthenie, Lese- und Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie (Rechenschwäche)
Legasthenie kann als eine oder eine Kombination von Teilleistungsstörungen angesehen werden. Daher ist die Alleindiagnose "Legasthenie" für das Bestimmen möglicher Trainingsempfehlungen ungenügend. Wir empfehlen daher Teilleistungen, wie in der Diagnostik beschrieben, zu untersuchen.
Teilleistungsstörungen sind zu 60% genetisch veranlagt und betreffen vorwiegend Jungen (Jungen: Mädchen = 6:1). Am häufigsten sind Sprachentwicklungsstörungen und Störungen in der fein- und visumotorischen Koordination. Die Häufigkeit wird auf 10-15% aller Schulkinder geschätzt.

Auditiver Bereich
Es sollte immer untersucht werden, ob das Kind auditiv entwickelt ist. Hat es sich über die ersten Schuljahre durch Ersatz-strategien gerettet, die es ihm ermöglichten, auditiv nicht richtig integrierte Fähigkeiten z.B. visuell zu kompensieren, so fällt es auf, wenn im weiteren Lernfortzu den auditiven auch die visuellen und graphomotorischen Kopplungen hinzukommen.

Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis)
Geräuschempfindlichkeit ist immer häufiger anzutreffen. Oft begleitet von Verhaltensstörungen bei Kindern.
Auch Schwerhörigkeit wird manchmal von einer Überempfindlichkeit auf bestimmte Frequenzen oder Tinnitus begleitet